22 Bahman – Chance vertan oder neue Kraft?

Die Stimmung innerhalb der Exil-Iranischen Gemeinde lässt in diesen Tagen vielerorts eher zu wünschen übrig. Nachdem das Regime nach nahezu perfekter, wochenlanger Vorbereitung den Jahrestag der islamischen Revolution zumindest scheinbar für seine Zwecke nutzen konnte, sieht es oberflächlich nach „Business as usual“ aus. Viele Mitstreiter wirken entmutigt und in ihrem Elan geschwächt. Man hatte sich mehr erhofft. Ich muss gestehen, ich mir auch, jedenfalls anfänglich.

Wer trotz aller Euphorie tatsächlich an einen echten Umsturz des Regimes an diesem einzigen Tag geglaubt hat, hat das Organisationstalent der Mullahs unterschätzt. Das Regime wollte diesen Tag auf keinen Fall der Opposition überlassen, wo man doch so gute Erinnerungen mit der Zeit von vor 31 Jahren verbindet…und sich verpflichtet sah, entsprechend ungestörte Feierlich-keiten einzuleiten. Die einschlägigen Videos mit Luftaufnahmen des 22 Bahman rund um den Azadi-Platz zeigen, mit wievielen (unzähligen) Bussen die Söldner des Regimes aus dem ganzen Land „herbeigekarrt“ worden sein müssen, damit der Platz bei der Rede Achmadinedschads wenigstens teilweise gefüllt war. Dass man „Helfer“ der Mullahkratie nicht nur mit kostenlosen Busfahrten und Übernachtungsmöglichkeiten in die Hauptstadt gelockt hat, sondern auch mit gratis Mahlzeiten, sei nur nebenbei erwähnt und bestätigt das verzweifelte Bild, das das Regime inzwischen abgibt. Man muss sich 31 Jahre nach der islamischen Revolution seine Anhänger größtenteils kaufen. Das ist bezeichnend, auch, wenn man bedenkt wie die Organisation der prügelnden Basij-Milizen funktioniert. Auch da werden meist sozial schwache und größtenteils mehr als ungebildete Primaten schlichtweg für ein Paar Toman angeheuert und mit Mahlzeiten versorgt, was für viele dieser Schläger die letzte Hoffnung auf Anerkennung und Beschäftigung in ihrem Leben darstellt.

Wenn man sich jedoch den kompletten Verlauf des letzten Donnerstag anschaut, wird man feststellen, dass es nur wenig Anlass gibt, den Kopf hängen zu lassen. Wie schon in meinem Artikel zur deutschen Medienlandschaft erwähnt, drangen jede Menge Informationen von Protesten im ganzen Land in alle Welt durch. Das Regime erreichte zwar durch die bisher effektivste Blockade des Internets und der Handynetze, dass die Kommunikation extrem erschwert wurde, aber die astreine Vertuschung der immer wiederkehrenden massiven Proteste ist mitnichten gelungen. Wenn man bedenkt, wieviele Videos und Fotos von all den bestätigten Protesten im ganzen Land nicht ins Netz geladen werden konnten, dann kann man sich lebhaft ausmalen, was sich auch diesmal trotz aller Vorbereitung des Regimes abgespielt haben muss… Diese Tatsache zu leugnen wäre nicht nur fahrlässig im Hinblick auf die weitere Entwicklung der Geschehnisse, sondern auch absolut respektlos gegenüber all jenen Iranerinnen und Iranern, die einmal mehr Kopf und Kragen auf den Straßen im ganzen Land riskiert und gezeigt haben, dass sie noch da sind und die Bewegung lebt, auch und gerade an einem Tag, der mehr als alle anderen im Jahr für das Regime steht.

Zudem wird es weitere Tage und Möglichkeiten geben. In gut einem Monat ist Norouz, das iranische Neujahrsfest. Ich denke, ich muss nicht weiter ausführen, dass dieser Tag bzw. diese Woche der (ur-)iranischen Feierlichkeiten zum neuen Jahr dem Volk gehören werden und zwar nur dem Volk. Die Mitstreiter und Unterstützer im Iran sowie in aller Welt, auch hier in Deutschland, werden sich gezielt vorbereiten und abermals bereitstehen.

Es gibt keinen Grund zu resignieren, selbst nach diesem regimegesteuerten Jahrestag der Vergiftung des Iran. Die Bewegung ist immer noch da und sie existiert bereits länger als jede andere innerhalb der letzten 31 Jahre voller Unterdrückung, Folter, Mord und Vergewaltigung in diesem Land. Wenn wir weiter unsere Kräfte und Energien bündeln und auch hier im Ausland unseren Beitrag leisten, kann die Bewegung siegreich sein. Vielleicht nicht heute oder morgen, aber bald.

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2 Gedanken zu „22 Bahman – Chance vertan oder neue Kraft?

  1. Zwar nicht direkt zum Thema, dennoch sorgt jede einzelne dieser Demonstrationen dafür, dass die Welt nicht vergisst – und manchmal gar Preise für die mutigen Oppositionellen vergibt. Was durchaus wichtig ist/sein kann, weil mit jedem Preis das Thema Iran (Menschenrechte) nicht mehr so leicht zu ignorieren sein wird:

    vom 16. Feb. 2010:

    Filmers of Iran protest death win Polk Award in NY

    http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2010/02/16/AR2010021600369.html

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