Der Löwe braucht weiter Nahrung

In letzter Zeit ist eine erschütternde Missstimmung innerhalb der exil-iranischen Gemeinde in Deutschland zu spüren. Vielerorts wird mehr gemeckert und Pessimismus verbreitet, als aktiv weitergekämpft.

Dabei scheint es förmlich in Mode gekommen zu sein, die Schuld am schleppenden Vorankommen den im Ausland lebenden Iranerinnen und Iranern unter Vorhaltung von angeblicher Passivität und menschlicher Unfähigkeit in die Schuhe zu schieben. Sicherlich mag es auch eine gewisse Fraktion iranischer Herkunft in aller Welt geben, denen der Freiheitskampf gegen die Mullahherrschaft am Allerwertesten vorbei geht. Jedoch wäre es eine fatale Fehleinschätzung, die komplette Exilgemeinde über einen Kamm zu scheren, wobei sogar oft genug behauptet wird, man mache sich hier im „sicheren Ausland“ einen schönen Lenz und kaum Gedanken über die Landsleute im Iran.

Gerade die weltweit verstreuten Iraner verweilen im Exil, weil sie Verfolgung und um ihr eigenes Leben fürchten mussten. Viele von ihnen sind politische Flüchtlinge, die einen weiteren Verbleib in ihrem Geburtsland nicht überlebt hätten. Diese geschundenen Menschen in der Diaspora sind in der Regel genauso daran interessiert, das Regime zu Fall zu bringen, wie die Menschen vor Ort. Sie trauern um verhaftete, gefolterte und ermordete Familienmitglieder, Freunde und Kollegen. Sie durch hohle Sprüche, denen sicherlich auch oft Verzweiflung zugrunde liegt, auszugrenzen, ist unfair und sät nur unnötigen Zwiespalt. 

Es ist absolut von großer Bedeutung, was Iranerinnen und Iraner im Ausland geleistet haben und immer noch leisten. Dabei fällt nicht nur ins Gewicht, welche (unzähligen) Aktivitäten bezüglich der Freiheitsbewegung unternommen worden sind und noch unternommen werden, sondern vor allem, wie man sich im Alltag verhält. Viele Deutsche etwa, die schon einmal mit Iranern zu tun hatten, sprechen nur in Gutem von ihnen. Iraner gelten hierzulande auf beruflicher Ebene als extrem gebildet, ehrgeizig und enorm leistungsfähig. Privat gesehen nimmt man sie als weltoffen, integrationsfähig, höflich und ausnahmslos gastfreundlich wahr. Das, liebe Exiliraner, ist Euer Verdienst! Es ist Euch zu verdanken, dass das iranische Volk vielerorts nicht mit dem grausamen Gebaren des Regimes in Verbindung gebracht wird, sondern, dass gerade in den letzten Monaten selbst eher passive und uninformierte Europäer gelernt haben, klar zu differenzieren und sich teilweise sogar der Bewegung angeschlossen haben. Alleine diese Tatsache wird den unausweichlichen Fall des Regimes definitiv beschleunigen. 

Außerdem gibt es keinen Grund für Missmut. Wenn man sich nur den vergangenen Samstag samt seiner Ereignisse zu Gemüte führt, wird man schnell feststellen, wie sehr sich die Zeiten im Iran geändert haben. Wenn eine „Regierung“ es nötig hat, zehntausende Schläger und unzählige Polizisten gerade in den Großstädten im ganzen Land zu stationieren, um den mehr als spürbaren Unmut der Bevölkerung einzudämmen, dann kann man bereits bis hierher deren Todesgeruch wahrnehmen… Die Führung des Landes lebt in ständiger Angst vor einem drohenden Umsturz. Die vielerorts zu nahezu militarisierten Zonen umgestalteten Stadtbezirke entblößen die absolute Ohnmacht des Machtapparates. Das Regime hält sich momentan nur noch künstlich am Leben. Es wird nicht mehr verwaltet, nicht mehr regiert. Die Strukturen der islamischen Republik bröckeln, das System wackelt gewaltig. Wenn dies kein Erfolg der tapferen Freiheitskämpfer bedeutet, was dann? 

Des Weiteren sollte man sich vor Augen führen, was die Iraner und deren Mitstreiter in aller Welt erreicht haben. Heutzutage kann sich kein Mitarbeiter eines iranischen Konsulats mehr frei bewegen, ohne von freiheitsliebenden Menschen auf der ganzen Welt angefeindet zu werden. Hiesige Gastronomen überlegen sich ganz genau, wen sie wann in ihren Räumen residieren lassen. Filmveranstaltungen werden grün, immer wieder kehrende Protestmärsche der Solidarität zieren die Straßen der Welt. Dies sind nur einige Beispiele, die Liste kann endlos weitergeführt werden. 

Jetzt ist wirklich nicht die Zeit, den Kopf hängen zu lassen. Das ist mehr als fehl am Platz. Damit würde man nicht nur die unzähligen tapferen Iranerinnen und Iraner im Inland regelrecht verraten, sondern das Verbleiben der Schreckensherrschaft unnötig verlängern, denn das ist es, was man durch die plakative Einschüchterung, wie am 1.Mai zu sehen war, erreichen möchte. Man möchte Pessimismus streuen und den Widerstand beugen. 

Im Übrigen steht längst fest, dass die geplanten Proteste, die in gut einem Monat beginnen, nicht nur von wochenlanger Dauer, sondern intensiver und entschlossener sein werden, als man sich das momentan noch kaum vorstellen kann. Nicht nur die Präsidentschaftswahlen jähren sich, sondern auch der Todestag von Neda, die wie viele anderen ihrer iranischen Schwestern und Brüder kaltblütig ermordet wurde, weil sie friedlich gegen das Regime und seine Machenschaften demonstriert hatte. 

Es gilt, die bewährten Maßnahmen im Kampf gegen die islamische Republik zu verfeinern, aber auch neue, kreative Wege des gemeinsamen Widerstands zu gehen. Es ist unbestritten, dass wir alle noch viel Arbeit, Schweiß, Geduld und Tränen investieren müssen, bis dieses unmenschliche Regime fällt. Aber es wird fallen. Wir werden auch im Ausland zur Stelle sein und unsere Pflicht tun. Wir werden nicht aufhören zu kämpfen.

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2 Gedanken zu „Der Löwe braucht weiter Nahrung

  1. Hallo Iranian German,

    Du bringst es wirklich auf den Punkt.
    Das letzte was wir jetzt gebrauchen können, ist der andauernde Pessimismus, der die Islamisten im Iran indirekt stärkt.
    Und nach all dem was, bis jetzt unter grossen Blutopfern erreicht wurde.? Sollen die Morde an Neda und co umsonst gewesen sein und diese IR-Bestien, für alle Scheußlichkeiten,die sie sich geleistet haben davon kommen?
    Damit macht man ihnen den grössten Gefallen. Wir müssen aufpassen, daSs wir nicht „indirekt“ ihre Unterstützer werden. Lasst uns JETZT wirklich überlegen,wie wir diese IR schwächen können.Man müsste die Sicherheitskräfte irgendwie dazu bringen, den Gehorsam zu verweigern.
    (Macht braucht Gehorsam,ohne Gehorsam keine Macht)

    Khamenei und die Pasdaran (die eigentliche Macht im Iran) sind auch nur auf ihre Untergebenen angewiesen.
    Mein Vorschlag: Wie wäre es, im Juni, in ALLEN Bezirken der grössten Städte des Landes (Tehran, Mashad, Isfahan, Tabriz, Karadish, Shiraz, Ahwaz, Qom………..)gleichzeitig mindestens 50.000 Leute auf dis Strasse zu bringen.(Treffpunkte an bestimmten Plätzen z.b. Azadi-Platz hat sich wegen der starken Polizeipresents als undurchführbar erwiesen) Damit wäre der Sicherheitsapparat extrem überfordert.(können auch nicht von aussen angefordert werden,da sie vor Ort gebunden wären. Unter diesen Umständen könnte eine Kettenreaktion von Befehlsverweigerungen entstehen.
    Ob die „Grünen“ in ihren Bezirken es schaffen, so viele Leute bis zum 12.Juni zusammenzutrommeln, bleibt abzuwarten. Aber ein Versuch könnte sehr wertvoll sein.

    Möchte aber noch hinzufügen, dass es nur ein KLEINER Vorschlag von einem Nicht-Iraner ist und sich als absoluter Blödsinn erweisen könnte.
    Gruss WIENI

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